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SeitenanfangHans Holbein d. J.: Der Kaufmann von Gisze
Zeit: 1532; Ort: Gemäldegalerie Berlin

 

Holbein gilt als Maler der Hanse. Er malte mehrere Hansekaufleute, unter anderem den Kaufmann Georg Gisze. Eine sehr genaue und sorgfältige Gruppierung von Details verweist auf die (moralisierende) Berufsdarstellung, typisch für die niederländische Malerei. Die historische Authentizität wird durch den Brief, den der Kaufmann in der Hand hält, gegeben. Er ist sogar lesbar. (Niederdeutsche Adressierung: “Dem Erszamen/ Jorgen gisze to lunden/ in engelant mynem/ broder to handen.“) Der Hinweis „meinem Bruder zu Händen“ gilt nicht dem wirklichen Bruder, sondern war die Formulierung an einen Geschäftsfreund. Vermutlich war die Bezeichnung „Bruder“ im gehobenen Standard kaufmännischen oder bruderschaftlichen Briefwechsels üblich.1 Durch die lateinische Inschrift über seinem Kopf wird ein weiterer Beweis für die Authentizität gegeben. Sie sagt: „Was du hier siehst, zeigt auf das Bildnis Georgs Züge und Bild; so lebendig ist sein Auge, so seine Wangen geformt. In seinem vierunddreißigsten Jahr des Herrn 1532“.2

 

Das Bildnis des Kaufmanns von Gisze gehört zu insgesamt 5 Bildnissen, über deren Funktion man im eigentlichen Sinne nichts weiß. Fest steht, dass es ein Auftragswerk Giszes selbst war und dass der Wunsch nach einem reich ausgestatteten Bildnis auch Holbein sehr entgegenkam.3

 

Georg Giszes Familie stammte aus Köln und siedelte 1497 nach Danzig über. Ab 1522 war Gisze in London, wo er im Stalhof (Stahlhof) agierte. Er war tätig innerhalb der Administration. Vermutlich arbeitete Gisze bei einer großen Gesellschaft, die „Zweigstellen“ – Kontore an den wichtigsten Handels- und Bankplätzen Europas einrichtete. Das würde seinen Weggang von Köln nach Danzig und später nach London begründen.

 

Das Bild ist geprägt von einem aufwendig dekorierten Raum und einer aufwendigen Kleidung des Kaufmanns. Insbesondere die Kleinigkeiten, die Accessoires, weisen auf das Standesbewusstsein des Kaufmanns hin. Keines der anderen Bilder weist diese Detailtreue auf. Von Interesse ist es, die abgebildeten Gegenstände in Gruppen zu sortieren. Folgendes Bild ergibt sich:

 

Gebrauchsgegen-

stände

Hinweise auf das Warenangebot * Gegenstände, die auf den Berufsstand hinweisen   Luxusgegenstände

- Messer/Dolch

- Schlüsselbund

  (klein und groß)

- Sperrholzkasten

 

- tintengeschwärzter

  Federkiel

- Handstempel/Petschaft

- Schreibtischgarnitur aus Zinn

  (Set aus Schatulle mit

  Goldmünzen, Wachsrolle,

  Sandbüchse, Federkiel- und

  Wachsrollenhalter)

- Dokumentenmappe (?)

- Dokumentensiegel

- Geschäftsbriefe

  (Briefadressen mit Giszes

   Namen, Handelsmarke,

   Londoner Adresse, Absender

   und Datum 1528, 1531)

- Siegelring

- Petschaft (Siegelstempel)

- Fein-, Münzwaage

 

- anatolischer Teppich

- venezianische Glasvase mit

  Blumenstrauß

- venezianische Bindfaden-

  kapsel mit umlaufender

  Inschrift „EN HEER EN..."

- goldene Dosenuhr

* Diese Spalte bleibt leer, da sich in diesem Bild eines Kaufmanns keine (!) Warenangebote befinden.

 

Alle Gegenstände sind so perfekt wiedergegeben, dass man sie ergreifen möchte (hohe Stofflichkeit).

 

Aus der Zusammenstellung wird deutlich, dass man als Betrachter nicht erfährt, womit Gisze Handel getrieben hat. Zugleich wird das Standesbewusstsein durch verschiedene Luxusgegenstände gezeigt. Gisze kann es sich leisten, auf der Arbeit, im Kontor, eine echte Vase aus venezianischem Glas stehen zu haben. Auch seine Dosenuhr ist aus Edelmetall. Auf dem „Schreibtisch“ liegt ein wertvoller Teppich ausgebreitet, worauf er arbeitet. Die Herkunftsorte wie Anatolien, Murano oder Venedig zeigen, dass er als Kaufmann durchaus sehr erfolgreich war und zumindest Geschäftsbeziehungen im Fernhandel besaß (Internationalität).

 

Zugleich deuten einige Gegenstände Eigenschaften an, über die Gisze verfügte. Seine Uhr steht für Pünktlichkeit, vielleicht auch als Hinweis auf Termingeschäfte, sein Messer/Dolch weist auf den gehobenen Stand, das kleine Schlüsselbund am Gewand symbolisiert die Schlüsselgewalt. Die Goldwaage gilt als Inbegriff für Stabilität und Gleichgewicht, trotzdem sie nicht austariert ist. Interessant ist der Platz der Waage. An der Wand unmittelbar neben ihr steht der Wahlspruch Giszes „Keine Freude ohne Kummer“4 - durchaus auch als ein Hinweis darauf zu verstehen, dass ein Kaufmann beim Verlust seiner Waren oder bei Fehlkäufen sehr schnell den sicheren Lebensunterhalt verlieren konnte. Nicht zu unterschätzen waren die Gefahren für den Fernhandel durch schlechte, ungesicherte Wege, Unwetter etc. Hervorragend kann man am Bild die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten eines Kaufmanns ablesen. Lesen und Schreiben gelten als selbstverständlich, sowohl mehrere Schriftstücke als auch Bücher weisen eindeutig darauf hin. Er musste Bescheid wissen über rechtlich einwandfreie Kaufverträge, die er mit Petschaft und Siegelring beschließt. Vermutlich spielt die Sprachausbildung eine nicht unwesentliche Rolle. Durch den Fernhandel waren diese Kenntnisse unerlässlich. Zu hinterfragen bleibt, ob er tatsächlich Latein sprach, da ja die Inschriften im Hintergrund in dieser Sprache verfasst sind. Dafür würde sprechen, dass Verträge unter anderem in Latein verfasst wurden. Dagegen wiederum, dass seine Fernhandelspartner eher in einer noch „lebendigen“ Sprache kommunizierten und nicht zwangsläufig ein Universitätsstudium abgeschlossen hatten. Als Kaufmann musste er in der Lage sein, die Bücher zu führen (doppelte Buchführung) sowie Kenntnisse in Maßen und Gewichten besitzen. Die Arbeitsmittel, z. B das Geschäftsbuch (auf dem Regal) oder die Wechselbriefe (hinter den Leisten), stehen für eine völlig neue Rationalität im Handels- und Geldgeschäft.5

 

Eine besondere Rolle im Bildaufbau kommt der Vase mit den Blumen zu. Sie gehört offensichtlich nicht ins Kontor und nimmt trotzdem eine zentrale Stellung ein. Hier liegt die Verbindung zur christlichen Ikonographie. Die Vase ist als Symbol der Glaskaraffe mit dem Wasser des Lebens zu betrachten. In ihr stecken Nelken, Thalerkresse und Rosmarin. Rosmarin gilt als Hinweis auf den Erinnerungswunsch (memoria) des Auftraggebers und zugleich als Triebfeder frühneuzeitlicher Bildnisproduktion.6 Die Thalerkresse ist die Pflanze, die auf die Gewinnorientierung des Kaufmanns anspielt. Der Volksmund nannte sie auch „Good King Henry“ (Anspielung auf König Heinrich VIII.).7 Am auffälligsten und am höchsten im Strauß ist die Nelke (engl. „carnation“). Sie gilt als Symbol der tiefen und wahren Liebe.8 Vermutlich spielt Holbein damit auf die bevorstehende Hochzeit Giszes mit Christine Krüger an.

 

Im Zusammenhang Vase und Uhr (Symbol der Vergänglichkeit) wird wiederum der Auferstehungswille Giszes ausgedrückt.

Die Besonderheit in Holbeins Darstellung besteht darin, dass er keinen realen Raum malte:

 

- Die Ecke, in der beide Wände aneinander stoßen, bildet keinen rechten Winkel.
- Der Tischkante fehlt vorn eine Ecke.
- Auf der „fehlenden Ecke" liegt eine Schreibfeder, die optisch nach vorne zu gleiten scheint.
- Die Inschrift über dem Kopf ist mit Siegellack auf der flachen Holzwand befestigt und die linke Ecke wird durch das Buch nach vorn gedrückt (würde in der realen Welt nicht halten und wäre so auch nicht anzubringen gewesen).
- Die lockere Aufhängung der Petschaft am linken Regal ist wegen des Gewichts allein unmöglich.
- Die Goldwaage ist zwar fixiert, aber nicht ausbalanciert.
- Das Gesicht ist in der Perspektive wenig ausgewogen (rechte Gesichtshälfte ist gegenüber der im Profil gezeigten Nase nicht genügend verkürzt).9

 
Als Schlussfolgerung ergibt sich, dass die Welt des Kaufmanns Georg Gisze mit Sicherheit nicht so gefestigt war, wie es der erste Blick in das Kontor den Betrachter vermuten ließ.

 

Das Bild finden Sie, in geeigneter Auflösung zur Präsentation, im Internet unter:

 http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a0/Hans_Holbein_d._J._051.jpg

 

________________________________________

1  

Andratschke, T.: „Deme Ersamen syriacuß Kallen te Lunde up Staelueff sy desse breff"

In: Praxis Geschichte 1/2001, S. 22

2  

Andratschke, T.: „Deme Ersamen syriacuß Kallen te Lunde up Staelueff sy desse breff"

In: Praxis Geschichte 1/2001, S. 23

3   Buck, S.: Meister der Deutschen Kunst. Hans Holbein, Köln 1999, S. 88
4   Buck, S.: Meister der Deutschen Kunst. Hans Holbein,. Köln 1999, S. 91
5   Sauer, M.: Bilder im Geschichtsunterricht, Velber 2000, S. 13
6   Andratschke, T.: „Deme Ersamen syriacuß Kallen te Lunde up Staelueff sy desse breff" In: Praxis Geschichte 1/2001, S. 22
7   Andratschke, T.: „Deme Ersamen syriacuß Kallen te Lunde up Staelueff sy desse breff" In: Praxis Geschichte 1/2001, S. 22
8   Sauer, M.: Bilder im Geschichtsunterricht, Velber 2000, S. 13
9   Buck, S.: Meister der Deutschen Kunst. Hans Holbein, Köln 1999, S. 91 f.

 


Beitrag eingestellt von: Frau Mareike Groeger
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Verfasser / Verwendete Quellen:
Birgit Kersten
Medien und Unterricht 14. Auf den Spuren von RENAISSANCE und BAROCK, LISA, 2002
hans_holbein_d_j.jpg::Hans Holbein the Younger [Public domain], via Wikimedia Commons
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